Tüchersfeld – Fränkische Schweiz Museum oder Auf dem Zeitstrahl durch die Geschichte

Hoch über Tüchersfeld in der fränkischen Schweiz erhob sich einst eine imposante Felsenburg. Auf deren Ruine wurde im 18. Jahrhundert ein Häuserkomplex errichtet, der die ortsansässige jüdische Gemeinde beherbergte und daher auch als Judenhof bekannt ist. Heute ist in dieser Anlage das Fränkische Schweiz Museum untergebracht.

Direkt nach dem Kassenbereich betritt man eine kleine Ausstellung zur Geologie der Region. Sie ist durchaus ansprechend und informativ gestaltet. Allerdings sind die Vitrinen ziemlich hoch angebracht und für (kleinere) Kinder ohne Unterstützung nicht einsehbar. Sie zog es entsprechend schnell weiter und ich hatte schon gewisse Befürchtungen, dass mich mein Händchen bei der Museumsauswahl verlassen hätte.

Bevor wir uns aber auf den eigentlichen Rundweg machten, warfen wir noch einen Blick in die im Obergeschoß des Eingangsgebäudes untergebrachte Sonderausstellung. Sie war zum Zeitpunkt unseres Besuchs ganz neu eröffnet und widmete sich dem Thema „Fürchten, Bangen, Hoffen. Leben um 1945 auf dem Land“. Eine durchaus sehenswerte und liebevoll zusammengetragene Zeitschau. Nur für die Kinder jetzt natürlich auch noch nicht so interessant. Dennoch gab es genug Berührungspunkte mit ihrem eigenen kleinen Erfahrungsschatz, die wir als Eltern immer wieder herausgreifen konnten, um so auch selber die Vitrinen ausgiebig studieren zu können.

wpid-picsart_1435958378549_wm.jpgNach diesem Ausflug fast schon in die Moderne, ging es zurück in die Dauerausstellung. Und „zurück“ gilt dabei in doppeltem Sinne, denn im Keller des ersten Gebäudes ist die Paläontologie untergebracht. Hier empfingen uns dann liebevoll gestaltete bodentiefe Dioramen im Maßstab 1:1 in denen Modelle und originale Fossilien gleichberechtigt nebeneinander ein umfassendes Bild des damaligen Lebensraums vermitteln. Entsprechend waren die Kinder sofort mit Feuer und Flamme dabei bekannte und weniger bekannte Tiere und Gewächse zu entdecken.

wpid-picsart_1437423514710_wm.jpgVon hier aus führte uns unser Weg dann zunächst ins Freie in den Innenhof. Von diesem aus können die übrigen Häuser des Komplexes an verschiedenen Stellen betreten werden, so dass sich der Besucher seinen Rundgang ganz nach seinen eigenen Interessenschwerpunkten individuell gestalten kann.

Nach einem kurzen Abstecher auf die Aussichtsterrasse, von der aus man einen guten Blick über den Ort und die angrenzende Fränkische Schweiz hat, begannen wir unseren eigenen Rundgang in der gegenüberliegenden äußeren Ecke. Hier ist im Obergeschoß ein besonderes Kleinod unterbracht: die originale Synagoge der jüdischen Gemeinde von Tüchersfeld aus dem 18. wpid-picsart_1437424167026_wm.jpgJahrhundert. Obwohl sie nach der Auflösung der Gemeinde zum Ende des 19. Jahrhunderts anderweitig genutzt wurde, blieb sie in einem bemerkenswert guten Zustand erhalten. Der weitaus größte Teil wird vom Gebetsraum für die Männer eingenommen, der von einem Gewölbe überspannt wird und an dessen Wände farbige Fassungen noch heute die Standorte der Stühle der Gottesdienstbesucher andeuten. Dieser Bereich kann von den Besuchern nicht direkt betreten, aber vom vorgelagerten Gebetsraum für die Frauen über die Mechiza (Trennwand) hinweg betrachtet werden. Hier sind in einer sich über die gesamte Raumbreite erstreckenden Vitrine auch verschiedene (Kult-)Gegenstände aus dem jüdischen Lebens- und Jahreslauf ausgestellt und erklärt. Sehr schön war dabei, dass diese Vitrine so tief ausgeführt ist, dass sie auch von kleinen Kinder bequem eingesehen werden kann. Was im Ergebnis dazu führte, dass sich die unsrigen schon hier im Fotografieren des gesehenen übertreffen wollten.

Als wir im Anschluss an den Synagogenbesuch in den Innenhof zurückkehrten, regnete es mittlerweile so stark, dass wir ohne lange zu überlegen gleich wieder die nächste mögliche Türe nutzten. Diese führte uns in den Bereich der lokalen Archäologie. Bedingt durch unser etwas ungeplantes Eintreten allerdings nicht am Beginn der zeitlichen Entwicklung, sondern mitten drin. Wir entschlossen uns dennoch erst die „Sackgasse“ zu unserer Linken abzuarbeiten, um dann soweit es geht das weitere Museum ohne erneutes Betreten des Innenhof zu besichtigen.

wpid-picsart_1437708312183_wm.jpgVon daher starteten wir unsere Reise in die Vergangenheit bei den Römern und Germanen. Auch in diesem Bereich waren die Vitrinen wieder tief genug ausgeführt, dass sie auch von den Kindern bequem betrachtet werden konnten. Hinzukommt, dass die Museumsdidakten hier eindeutig auf die Devise „weniger ist mehr“ setzen. Die Vitrinen sind in keinster Weise überladen. Das frühere Leben wird den Besuchern stattdessen an Hand einiger ausgewählter Fundstücke näher gebracht. Dies wird noch durch liebevolle Bemalungen/Gestaltung der Vitrinen-Rückwände, die diese fast in Dioramen verwandelt, unterstützt.

Was mich dabei besonders angesprochen hat, waren drei einfachewpid-picsart_1437651407620_wm.jpg lederne Geldbeutel oder Geldkatzen, die in verschiedenen Epochen zur Präsentation der jeweils zugehörigen Münzen zum Einsatz kommen. Sie vermitteln auf so einfache Weise so viele Dinge. Angefangen von der Bedeutung und Kontinuität der Geldwirtschaft bis in unsere Zeiten, über die formale Entwicklung der Münzen beim verwendeten Material und den zum Einsatz kommenden Motiven bis hin zu Denkanstößen zu der Problematik, „wieviel Lebensrealität wird über die Zeit tatsächlich überliefert“.

Weniger begeistert war ich dagegen von dem Zustand des zu Demonstrations- und Testzwecken bereitgestellten kleinen Webrahmens mit einigen aufgezogenen Webbrettchen. Ich finde solche haptischen Angebote ja prinzipiell immer toll. Dennwpid-picsart_1437650847333_wm.jpg „begreifen“ hat sehr viel mit „greifen“ bzw. „anfassen“ zu tun. Allerdings sollte das dann auch tatsächlich möglich sein. Die Kettfäden waren allerdings so verheddert, dass an ein „selber ausprobieren“ nicht zu denken war. Anfangs folgte ich noch dem direkt Impuls hier wieder Ordnung ins Chaos zu bringen. Da dies aber in wenigen Minuten nicht zu leisten war, gab ich dem weiteren Museumsbesuch mit meiner Familie aber bald den Vortritt. Da gilt dann am Ende dann halt doch leider wieder „Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht“. Wo solche Angebote gemacht werden, ist es auch immer nötig den Zustand der Gerätschaften regelmäßig zu kontrollieren und zu korrigieren. Und damit meine ich nicht nur 1- oder 2-mal im Jahr. Denn sonst kann man sich Brettchenweben oder auch den Gewichtwebstuhl zum selber probieren leider auch sparen.

wpid-picsart_1438255579505_wm.jpgNicht funktionstüchtig erzielen solche Probierstücken beim Besucher nämlich nicht das gewünschte Interesse, sondern im Gegenteil im positivsten Fall Erheiterung, oft aber auch Unverständnis. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass leider auch der ebenfalls zum Eigenversuch zur Verfügung gestellte Gewichtwebstuhl in der Steinzeitabteilung in keinster Weise funktionsfähig war. Wie aufwändig die Behebung der durch viele Monate an Fehlnutzung entstandenen Probleme an solch einem Gewichtwebstuhl am Ende ist, kann man übrigens sehr gut bei portapatetcormagis von „Schickes und Schönes“ nachlesen, die dieses Jahr einmal die Arbeit auf sich genommen hat, den Webstuhl im Allamannenmuseum in Ellwangen wieder in einen funktionstüchtigen Zustand zu versetzen. Da fragt man sich natürlich schon, ob nicht eine Inspektion und Behebung entstandener Probleme spätestens alle paar Wochen effektiver wäre.

wpid-picsart_1438255182172_wm.jpgDamit aber genug der Klage. Auch die prähistorische Abteilung zeichnete sich wieder durch liebevoll gestaltete Vitrinen aus, die der Geschichte wieder Leben einzuhauchen vermochten. Und wie schon in beiden zuvor besuchten Abteilungen fand sich hier ein Zeitstreifen mit einer Übersicht zu den lokalen Entwicklungen in Relation zu solchen weltweit zum Mitnehmen. Ein Angebot das sicher nicht nur wir gerne angenommen haben.wpid-6379_20150804221550575_wm.jpg

wpid-picsart_1438256382927_wm.jpgOhne erneut in den noch immer nassen Innenhof zu müssen, ging es im Anschluss im angrenzenden Gebäude mit Volkskunde und Kunsthistorik weiter. So bekommt man etwa an Hand liebevoll eingerichteter bäuerlicher Stuben aus dem frühen 20. Jahrhundert einen Eindruck der wohnlichen Enge der damaligen Zeit. Oder kann einmal selber mitten in verschiedenen Werkstätten, z.B. der eines Schmiedes oder eines Schusters, stehen.

Während unseres gesamten Aufenthalts war für die Kinder immer wieder etwas Spannendes dabei. Sei es das Model der Burg Neideck, der (sichere) Blick in den Brunnen oder auch die Zeichen der Volksfrömmigkeit. Der Fotoapparate in den Händen der Kinder kamen jedenfalls genauso wenig zur Ruhe, wie wir Eltern, die wir mit vielen detailverliebten Fragen zu einzelnen Exponaten bestürmt wurden.

PicsArt_1438325851408_wmDie folgenden Bilder stellen nur eine Auswahl der von den Kindern gewählten Motive dar und verdeutlichen gleichzeitig die kindliche Perspektive auf das Museum.

Kinderaufnahmen in der Synagoge

Kinderaufnahmen in der Synagoge

Kinderaufnahmen in der Archäologie

Kinderaufnahmen in der Archäologie

Kinderaufnahmen in der Volkskunde

Kinderaufnahmen in der Volkskunde

Schließlich ließen wir unseren Besuch noch gerne mit der Investition in drei Münzrohlinge und den Zugang zu Stempel und Vorschlaghammer ausklingen. Und dank dem tatkräftigen Einsatz unseres Papas haben wir nun drei selbstgemachte Andenken an diesen Besuch in der Vitrine liegen.PicsArt_1438635751269_wm

 

UPDATE vom 10.08.2015

Heute bekam ich direkt eine sehr konstruktive Rückmeldung zu diesem Bericht von Dr. Jens Kraus vom Fränkische Schweiz-Museum. Demnach ist noch für dieses Winterhalbjahr die Umgestaltung der geologische Abteilung geplant. Er schrieb mir dazu: „Die Bestandsvitrinen werden dabei völlig entfernt. Das neue Konzept sieht eine offene Vitrinenlandschaft in der Art der archäologischen Abteilung vor. Wir lassen – bodennah – einen Meeresboden gestalten, auf dem die Fossilien präsentiert werden. Der Querschnitt der Installation zeigt dann die Riffstrukturen. Eine blaue Färbung des Glases soll auf die Unterwassersituation hinweisen.“

Das hört sich wahnsinnig spannend und verlockend an. Und rückt somit das Fränkische Schweiz Museum ganz hoch auf unserer Liste der „Museen, die man ruhig ein zweites mal besuchen kann“. Wobei, da stand es eigentlich eh schon.

Tüchersfeld – Fränkische Schweiz Museum oder Auf dem Zeitstrahl durch die Geschichte:  

Über carmen

Archäologin - Studium der Vor- und Frühgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Ethnologie in Bonn mit Magisterabschluss Mitwirkung an verschiedenen Grabungsprojekten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Baden-Württemberg als Grabungsleitung. Erfahrungen bei Ausstellungskonzeptionen und als Museumsführer. Als Mutter zweier kleiner Kinder mittlerweile freiberuflich als Archäologin und Museumspädagogin an Kindergärten und Schulen tätig.


Kommentare

Tüchersfeld – Fränkische Schweiz Museum oder Auf dem Zeitstrahl durch die Geschichte — 2 Kommentare

  1. Dein Bericht weckt Erinnerungen an einen schönen Kurzurlaub in Gößweinstein. Damals haben wir auch Tüchersfeld besucht und sind auf den herrlichen Fels hinauf gewandert. Es ist ein schöner Ort.

    Viele Grüße aus Halle an der Saale
    Katrin

    • Schön, dass dich mein Bericht so angesprochen hat.
      Bei „Halle/Saale“ kommen auch bei mir wieder viele schöne Erinnerungen hoch.

      Von daher viele Grüße zurück.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.