Seebruck – Römermuseum BEDAIVM oder Wo sich ein Vitrinenen- und ein Freilichtmuseum ergänzen

Nachdem die Osterferien vor allem im Zeichen der Bewegung und des Naturerlebnis gestanden hatten, sollte uns der letzte Ausflug dieser Zeit auch mal wieder in ein Museum führen. Nun war das Wetter hierfür aber eigentlich viel zu gut und so entschieden wir uns für das RÖMERMUSEUM BEDAIVM in Seebruck in Kombination mit einigen Stationen des hier startenden archäologischen Rundwegs.

Seebruck007Da das Museum selber im April erst ab 14 Uhr geöffnet hat, begannen wir unseren Tag im Zeichen der Geschichte dem archäologischen Rundweg. Dieser insgesamt 27 km lange Weg verbindet zehn archäologische Fundstätten zwischen Seebruck, Truchtlaching und Seeon. Ein an und für sich sehr löbliches Projekt. Allerdings wurde dieser Rundweg nicht nur primär für Radfahrer und Wanderer angelegt, sondern fast ausschließlich. Weder gibt es Hinweisschilder entlang der Straßen, noch meist wenigstens ein oder zwei offizielle Stellplätze in der Nähe der einzelnen Stationen. Mit etwas Glück sieht man im Vorbeifahren ein kleines Schild für den Radweg. Wenn man dann keine Skrupel vor unbefestigten Feldwegen hat, kann man sein Fahrzeug auch in der Regel in der Nähe am Wegesrand oder in einer Wiese abstellen. Das ist wahrscheinlich nicht immer im Sinne der anliegenden Grundbesitzer und schließt leider eine nicht unerhebliche Zahl motorisch eingeschränkter Interessenten fast schon per se von dem Besuch dieser Stätten aus.

Nun, wir ließen uns von all dem nicht schrecken. Und ein wenig Bewegung an diesem für einen Museumsbesuch im Grunde zu schönen Tag sollte dann ja schon auch sein. Daher fuhren wir ganz bewusst zuerst nach Truchtlaching, von wo aus man ein etwa 5 km langes Teilstück des Rundwegs auf einer kleinen Schleife durch das Landschaftsschutzgebiet des Alz-Knies erwandern kann. Unser Ziel waren die Stationen 4 und 5, eine keltische Viereckschanze sowie eine frühmittelalterliche Fluchtburg.

In dem Moment, wo man zu Fuß unterwegs ist und sich auf dem Seebruck001Rundweg befindet, ist die Ausschilderung ausreichend. An den Stationen selber sind dann noch zusätzlich Tafeln mit kurzen Hintergrundinformationen zu den einzelnen Fundkomplexen, ihrer Grabungsgeschichte und Einordnung in den historischen Zusammenhang aufgestellt. So erfährt man z.B., dass die latènezeitliche Schanze von Truchtlaching zu einem Ensemble von insgesamt vier erhaltenen Anlagen ähnlicher Art in der näheren Umgebung gehört. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass keine der Anlagen bisher ergraben wurden und sich somit alle Aussagen auf die erhaltenen Außenanlagen beziehen. Ich frag mich allerdings wie vielen Lesern hier wohl auffällt, dass ausgerechnet der Bereich der Torwangen durch mittelalterliche Hochackerbeeten gestört wurde. Und leider fehlt dann der Hinweis, auf welchen Grabungsbefund sich die hier aufgebaute Rekonstruktion der Toranlage bezieht. Aber sei’s drum, auch ohne diesen Querverweis und obwohl die Grabenanlagen an vielen Stellen weitgehend verfüllt sind, die gut erhalten Schanze hinterlässt doch etwas Eindruck. Und dass selbst Kleinigkeiten begeistern können, haben wir gemerkt, als Papa den Kindern den historischen Türverschluss mit Querbalken vorführte.

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Seebruck006Noch mehr faszinierte uns die Wirkung, die der rekonstruierte Abschnitt der Fluchtburg aus dem frühen Mittelalter auf die Kinder hatte. Obwohl die dreistufige Wall-Graben-Anlage mit den Holzpalisaden im Grunde sehr unscheinbar ist, gab es keinerlei Äußerungen der Enttäuschung o.ä. Stattdessen wurden Stifte und Papier ausgepackt und die Anlage hochkonzentriert skizziert. Wie ernst dieses selbstgewählte Ansinnen war, merkten wir spätestens, als unsere Große anfing, hierfür die Stämme der Palisade zu zählen.

Nach Vollendung dieses sehr erbaulichen Abschnitts des archäologischen Rundwegs fuhren wir mit dem Auto weiter nach Seebruck. Hierbei kamen wir auch relativ nahe an den Stationen 6 & 7 vorbei. Bei ersterer handelt es sich um den Grabhügel von Steinrab. Sensibilisiert durch die Übersichtskarte konnten wir ihn sogar von der Straße aus ausmachen. Für einen zusätzlichen Zwischenstopp wählten wir aber den nächsten Anlaufpunkt, das Gräberfeld von Ischl.

Hier wurde laut der aufgestellten Tafel eine Bestattung des in diesem Seebruck002Gebiet angenommenen bajuwarischen Reihengräberfelds nachgestellt. Großflächige archäologische Untersuchungen haben aber auch hier bisher nicht stattgefunden. Allerdings wurden wohl beim hiesigen Kiesabbau schon seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Skeletteile geborgen. Darunter befinden sich mit dem „Krieger von Ischl“ und einem Frauengrab auch zwei vollständige Bestattungen, die eine Datierung ins 7. Jahrhundert n. Chr. ermöglichen.

Seebruck008Leider macht das rein fiktive Grabensembel einen völlig verwahrlosten Eindruck. Die Plexiglashaube war so verdreckt und zerkratzt, dass man von oben fast gar nichts erkennen konnte. Und wenn man einen halbwegs sauberen Fleck in den Seitenwänden fand, bot sich ein erschreckender Anblick: der Schaukasten ist zum Gewächshaus mutiert und im Inneren findet sich eine Vielzahl an Stecken und Ästen, die höchstwahrscheinlich mutwillig eingebracht wurde. Nach den vorherigen Stationen waren wir nun doch ziemlich enttäuscht.

Wir machten uns also zügig auf zu unserem Hauptziel des Tages, dem Römermuseum BEDAIVM in Seebruck. Dieses ist an historischem Ort untergebracht, neben der Kirche, die ihrerseits direkt innerhalb der römischen Kastellmauern errichtet wurde. Es wurde 1988 eröffnete und ist heute Partnermuseum der Archäologischen Staatssammlung in München. Diese zeichnet sich auch für den Aufbau der aktuellen Ausstellung verantwortlich.

Seebruck013Leider ist das Museum nur bedingt barrierefrei zugänglich, da sich der größte Teil der Sammlung im ersten OG befindet und dieses nur über eine Treppe zu erreichen ist. In insgesamt zwei Räumen widmet man sich hier an Hand lokaler Funde der Besiedlungsgeschichte der Region um Seebruck von der Steinzeit bis zu den Bajuwaren. Hierfür wird die klassische Methode der Fundpräsentation in Seebruck012Standvitrinen gewählt. Diese sind aber erfreulicherweise mit ca. 80 cm Tischhöhe niedrig genug, dass sie auch von kleineren Kindern eingesehen werden können. Trotzdem ist diese traditionelle Präsentation für jüngere Kinder nur wenig ansprechend. Für Schüler ab etwa Klasse 3 gibt es auf der Homepage eine Museumsrallye zum Download. Ansonsten fehlen aber Angebote für den Nachwuchs.

Dass dies durchaus ein kleines Manko in der örtlichen Geschichtsvermittlung darstellt, ist auch dem historischen Verein BEDAIVM als Träger des Museums aufgefallen. Denn wie man auf der Homepage lesen kann, führten insbesondere die Erfahrungen der Vereinsmitglieder bei Kinderführungen zur Entwicklung des archäologischen Rundwegs. Ziel war es in diesem „Freilichtmuseum“, den im „Vitrinenenmuseum“ gezeigten Exponaten eine adäquate Ergänzung zu bieten und “ geschichtliche Abläufe aufzuzeigen und alte Siedlungstätigkeiten und archaische Kulturtechniken zu vermitteln“ (Zitat Homepage/Archäologischer Rundweg).

Seebruck003Und so wandten auch wir uns nach den Exponaten bald wieder den Freiluftstationen zu. Die erste findet sich direkt vor dem Museum: Reste des römischen Kastells in Form römischer Spolien und der Kastellmauer im Friedhofsbereich. Nach einer kurzen Kaffeepause beim nahgelegenen Hafenwirt sowie einer ausgedehnten Tobe-Runde auf dem Spielplatz beim Strandbad fuhren wir schließlich noch zum keltischen Gehöft von Stöffling.

Seebruck009An dieser dritten Station des archäologischen Rundwegs wurde ein keltischer Siedlungsplatz nachempfunden, mit verschiedenen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden sowie Stallungen, das Ganze von einem Flechtwerkzaun eingefriedet und mit einer Toranlage abgeschlossen. Bei der Gestaltung orientierte man sich an den verschiedenen bekannten Gebäudeformen der Zeit Seebruck011sowie an Informationen über die keltische Lebensweise in griechischen und römischen Quellen. Dieses Idealbild eines Gehöfts wurde nur unweit einer in den 1960ern bei Drainagearbeiten entdeckten latènezeitlichen Siedlung errichtet. Die meisten der Gebäude sind auch tatsächlich begehbar und vermitteln so auf im Grunde recht unscheinbare Art sehr eindrücklich Geschichte zum Anfassen und begreifen. Nicht nur wir, sondern gerade auch die Kinder fanden Gefallen daran, verschiedene Tür-/ Fensterverschlüsse zu inspizieren, unterschiedliche Wandkonstruktionen zu vergleichen oder einfach nur zu mutmaßen wozu dieser oder jener Raum gedient haben könnte.

Seebruck010So endete nach gut 5½ Stunden ein Tag im Zeichen der Kelten, Römer und Bajuwaren wie er begonnen hat: mit viel Freude an der Vergangenheit und mit Lust auf noch weitere neue Erlebnisse rund um die Themen Geschichte und Archäologie. Und sicher werden wir bei Gelegenheit noch die übrigen fünf Stationen des Rundwegs besuchen.

Eine ausführliche Beschreibung unserer kleinen Wanderung zu den Stationen 4 & 5 findet sich übrigens auf unserem Partner-Blog Mountenbatschers – Mit Kindern in der Natur unterwegs.

Seebruck – Römermuseum BEDAIVM oder Wo sich ein Vitrinenen- und ein Freilichtmuseum ergänzen:  

Über carmen

Archäologin - Studium der Vor- und Frühgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Ethnologie in Bonn mit Magisterabschluss Mitwirkung an verschiedenen Grabungsprojekten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Baden-Württemberg als Grabungsleitung. Erfahrungen bei Ausstellungskonzeptionen und als Museumsführer. Als Mutter zweier kleiner Kinder mittlerweile freiberuflich als Archäologin und Museumspädagogin an Kindergärten und Schulen tätig.


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