Mein Beitrag zur Blogparade: „KULTUR IST FÜR MICH …“

Heute berichte ich zur Abwechslung einmal nicht über unsere familiären Erfahrungen mit und in Museen, also sogenannten Kulturbetrieben. Ich folge mit diesem Artikel einem Aufruf von Tanja Praske von „Kultur – Museo – Talk“ zur Blogparade „Kultur ist für mich…“

Nun, was ist Kultur für mich? Kultur ist für mich in erster Linie die Wurzel von Gesellschaften. Das was uns und unser Miteinander bewusst, aber und insbesondere auch unterbewusst prägt. Kultur hat daher für mich ganz viel mit Traditionen zu tun, die auf unterschiedliche Wege übermittelt und überliefert werde: Angefangen von der kindlichen Prägung im Elternhaus, über die Ausbildung in Schulen und darüber hinaus bis hin zum zeitlebens stattfindenden zwischenmenschlichen Austausch.

Gerade bei letzterem kann man bedingt durch die massiv gesteigerte Mobilität und Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten eine ganz neue Interaktion und Vermischung von Kultur und Gesellschaften beobachten. Aber ist diese Interaktion und Vermischung tatsächlich so neu?

Nehmen wir einmal unsere Ernährungsgewohnheiten: 43-mog-gemueseDass es bei uns viele Obst- und Gemüsesorten erst seit wenigen Jahrzehnten regelmäßig im Supermarkt zu kaufen gibt, ist sicher den meisten bewusst. Und nicht selten stehen wir auch heute noch vor „neuen“ Lebensmitteln, wo wir uns erstmal schlau machen müssen, wie man das überhaupt zubereitet bzw. isst. Aber haben wir tatsächlich auf dem Schirm, wie viele unserer regelmäßigen, teils sogar täglich, genutzten Lebensmittel gar nicht unserem mitteleuropäischen Kulturkreis entstammen? Kartoffeln und Tomaten sind da sicher ein gutes Beispiel. Und zumindest bei ersteren erinnert sich vielleicht auch noch der eine oder andere an die Anekdoten aus dem Geschichtsunterricht, wie Friedrich II seinen Preußen diese Knolle durch das Bewachenlassen durch seine Soldaten schmackhaft gemacht haben soll. Aber ist uns auch bewusst, dass z.B. ein so alltägliches Gewürz wie Pfeffer, der heute in jeden Supermarkt schon für wenig Geld einfach und jederzeit zu haben ist, erst von den Römern bei uns eingeführt wurde und zeitweise mit Gold aufgewogen wurde? Und apropos Römer: ihnen verdanken wir wahrlich eine Flut heutiger auch bei uns angebauter „traditioneller“ Kulturpflanzen. Viele Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen waren ursprünglich z.B.nur im Mittelmeerraum beheimatet. Oder wer möchte heute annehmen, dass die Zwiebel eigentlich aus dem Raum Turkmenistan / Iran stammt, von hier schon vor über 4000 Jahren ihren Weg nach Ägypten fand, aber erst von den Römern über die Alpen zu uns gebracht wurde?

2372-weintrauben-weinrebeSo ließen sich ganz leicht noch Dutzende an Beispielen anführen. Um jedoch nochmal den Bogen zu „unserer“ Kultur und unserem Kulturgut zu schlagen, möchte ich nur noch kurz näher auf den Wein eingehen. Wildtrauben sind zwar auch in unseren Breiten schon für die Jungsteinzeit nachweißbar und vor allem von den Kelten ist bekannt, dass sie diese auch zu Traubensaft und Wein verarbeiteten. Der Anbau von kultivierten Weinsorten ist aber auch wieder erst mit den Römern belegt. Und bei den meisten heute verbreiteten Weinsorten handelt es sich tatsächlich um römische Importpflanzen bzw. Weiterzüchtungen aus diesen. Jetzt könnte man natürlich sagen „Nah und? Dann ist das eben wie bei den Hülsenfrüchten, den Zwiebeln und vielem mehr“. Nun hat es aber keiner dieser Importe soweit geschafft wie der Wein, nämlich von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in seinem Lied der Deutschen besungen und somit als „typisch deutsch“ in die Welt getragen worden zu sein.

Für die zweite Strophe schrieb er:

Deutsche Frauen, deutsche Treue,Deutschlandlied

Deutscher Wein und deutscher Sang

Sollen in der Welt behalten

Ihren alten schönen Klang,

Uns zu edler Tat begeistern

Unser ganzes Leben lang

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841)

Warum aber habe ich nun bei dem Thema „Kultur ist für mich…“ soweit ausgeholt? Nun, ich wollte an Hand dieser Beispiele zeigen, dass Kultur nicht statisch ist, sondern wächst und sich über die Generationen verändert. Was uns heute noch fremd ist, kann schon morgen ganz normal und selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags, unserer Kultur sein.

Oder um es mit dem britischen Wissenschaftshistoriker James Burke zu sagen:

Why should we look to the past in order to prepare for the future?

Because there is nowhere else to look.

Warum sollten wir in der Vergangenheit kramen um uns auf die Zukunft vorzubereiten,

weil wir nirgends wo anders suchen können.

(James Burke)

Wie schon eingehend geschrieben, ist Kultur für mich die Wurzel einer jeden Gesellschaft. Die Vergangenheit, auf der die Gegenwart ruht und auf die die Zukunft aufgebaut wird. Vieles was wir heute sind, können wir besser verstehen, wenn wir unsere Vergangenheit kennen. Und das gilt natürlich nicht nur für uns, sondern auch für jede andere Kultur.

wpid-dscf7064_wm.jpgAus diesem Grund sind die historischen Fächer für mich so unentbehrlich. Sie helfen uns, uns selber besser zu verstehen. Und wenn ich mich selber oder meine Kultur kenne und verstehe, dann bin ich meiner und meiner Kultur sicher. Und aus dieser Selbstsicherheit heraus kann ich auch mit fremden Kulturen ohne Scheu und unvoreingenommen umgehen.

Natürlich reicht es dann aber auch nicht aus, dass einige Spezialisten in einer Art Elfenbeinturm ihr Wissen horten und mehren. Das Wissen um unser aller Geschichte, Kultur- und Gesellschaftsentwicklung muss auch in allgemein verständlicher Form der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt und vermittelt werden. Hierzu benötigt es eine vielfältige Museumslandschaft, in der alle Aspekte von Kultur auf unterschiedlichste Art präsentiert werden, um so eine möglichstwpid-dsc_4708_wm.jpg große Bandbreite an Menschen anzusprechen. Aber man darf die Wissensaneignung auch nicht allein in die Verantwortung der Bevölkerung geben. Viele Menschen haben aus den unterschiedlichsten Gründen Berührungsängste und werden von sich aus leider nie ein Museum besuchen. Und wo schon die Elterngeneration den Weg scheut, können auch Kinder nicht erfahren, wie spannend und bereichernd der Gang in ein Museum sein kann. Von daher bleibt es auch weiterhin wichtig, dass verschiedenste Bildungsträger hier ein umfassendes Grundwissen vermitteln bzw. entsprechend Angebote wahrnehmen.

wpid-1432498163573_wm.jpgUnd auch ich möchte mit meinen Angeboten der ErlebnisArchäologie ja gerade die Kinder ansprechen, um schon früh das Interesse und die Neugier an und für Geschichte zu wecken. Hier können auf spielerische Weise schon im Kindergartenalter erste Erfahrungen rund um die Themen Geschichte und Vergangenheit geknüpft werden. Und egal welches Programm gemacht wird, eine Einheit wird wohl nie fehlen: „Neu und Alt“ – je nach Altersklasse ein Zuordnungs- oder Memory-Spiel, das verdeutlichen soll, dass Geschichte zum einen Entwicklung ist, zum anderen optimierte Formen aber auch schon seit vielen Generationen quasi unverändert bestehen können.

Zusätzlich möchte ich gerade mit diesem Blog hier, in dem ich über unsere eigenen musealen Erfahrungen mit unseren Kindergartenkindern berichte, anderen Eltern Anregungen und Tipps für Museumsbesuche im historischen Bereich geben. Leider gibt es immer noch zu viele Ausstellungen, die Kindern den Spaß am Museumsbesuch tatsächlich verderben. Und wenn die Kleinen nur quengeln, werden auch die Großen so schnell keinen zweiten Familienausflug in diese Richtung planen. Aber zunehmend erkennen auch die Museumsmacher, dass die Kinder von heute diewpid-1435611795454_wm.jpg Museumsbesucher von morgen sind und berücksichtigen dies bei ihrer Gestaltung. Dabei ist nicht mal so sehr eine Art Bespaßung wichtig, sondern vielmehr die Berücksichtigung von Sichtachsen und Aufnahmehorizonten. In den meisten Fällen sind die Kinder schon glücklich, wenn sie selbständig einen Blick in die Vitrine werfen können. Und wenn diese dann nicht überladen sind, sondern der Inhalt gut aufnehmbar ist, sind nicht nur die Kinder zufrieden. Auch die Eltern sind so meist glücklicher, denn bei ein oder zwei exponierten Stücken lassen sich kindliche Fragen leichter beantworten, als z.B. bei nur für Fachleute verständlichen Typologiereihen, die dann vielleicht noch mit einem wissenschaftlichen Exzerpt erläutert werden sollen. Museen und Ausstellungen, denen diese gelingt möchte ich hier eine Plattform geben und so auch andere Familien ermutigen, sich nicht von einem Museumsbesuch abhalten zu lassen, nur weil die Kinder vermeintlich noch zu jung sind.

Denn:

Der Mensch kennt sich selbst nicht genügend, wenn er nichts von seiner Vergangenheit weiß. 

(Karl Hörmann)

Bildquellen:
* Fallersleben Originaltext Deutschlandlied – Wikipaedia
* Bilder von Lebensmitteln – Uwe Vogel, oldschoolman.de
Mein Beitrag zur Blogparade: „KULTUR IST FÜR MICH …“:  

Über carmen

Archäologin - Studium der Vor- und Frühgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Ethnologie in Bonn mit Magisterabschluss Mitwirkung an verschiedenen Grabungsprojekten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Baden-Württemberg als Grabungsleitung. Erfahrungen bei Ausstellungskonzeptionen und als Museumsführer. Als Mutter zweier kleiner Kinder mittlerweile freiberuflich als Archäologin und Museumspädagogin an Kindergärten und Schulen tätig.


Kommentare

Mein Beitrag zur Blogparade: „KULTUR IST FÜR MICH …“ — 3 Kommentare

  1. Liebe Carmen,

    ein wunderbarer Beitrag zu #KultDef! Das ist sehr schön, dass wir mehr werden, auch im Kindesalter schon anzusetzen und Tipps für Eltern zu geben! Gerade der Beitrag von Alex auf In-Arcadia-ego-at, verdeutlichte wie andere auch, dass eine frühe Konfrontation mit Kultur bis ins Erwachsenenalter Auswirkungen haben wird.

    „Kultur ist die Wurzel der Gesellschaft“ – ja, du hast recht. Kultur wird durch die Menschen „kultiviert“, kann auch negativ sein, wie die Geschichte gezeigt hat, dafür gibt es dann die „Geisteswissenschaften“, die sensibilisieren können, wenn sie aus ihren Elfenbeinturm herauskommen und begreifen, dass sie ihre Studien nicht für sich allein oder einen kleinen „elitären“ Kreis unternehmen, sondern dass sie damit auch einen gesellschaftlichen Auftrag haben. Dazu zählt, auf verschiedenen Ebenen von ihren Ergebnissen zu erzählen. Appetizer hinwerfen.

    Merci!

    Herzlich,
    Tanja

    P.S.: Pardon für meine verspätete Rückmeldung, ich hinke mit #KultDef hinterher, da die Blogparade sehr stürmisch zu Ende ging. Dein Beitrag war Nr. 58, bislang sind es 69 Posts …

    • Liebe Tanja,

      danke, dass du uns mit deinen Blogparaden überhaupt erst die Möglichkeit und den Anreiz zu solchen Beiträgen gibst.

      Das Problem der nagativen „Kultivierung“ ist mir während dem Schreiben tatsächlich immer im Hinterkopf herumgespukt. Da gibt es leider in unserer eigenen Geschichte, aber auch ganz aktuell zu viele leidige Beispiele. Aus diesen Gedanken heraus entsprang der Absatz zur furchtfreien Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, wenn man sich seiner eigenen Kultur sicher ist.

      Und was die kindlichen Erfahrungen angeht: wie du auch hier auf dem Blog nachlesen kannst, waren es tatsächlich auch bei mir soche positiven Erfahrungen als Kind, die in mir selber den Wunsch weckten Kulturwissen kindgerecht zu vermtteln.(http://blog.erlebnisarchaeologie-bayern.de/?p=57). Mittlerweile ergänzt um den „Hintergedanken“, dass die Kinder von heute die Entscheider von morgen sind, die u.a. über Erhalt oder Schließung von Museen und viele ndere Vermittlungs-/Forschungsprogramme entscheiden werden.

      Liebe Grüße

      Carmen

  2. Pingback: Blogparade: "Kultur ist für mich ..." - Aufruf #KultDef

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