Friesach Burg Siegfriedstein oder Wie baut man eine Burg

Zu den bekanntesten bauarchäologischen Experimenten der Gegenwart gehört sicherlich der Burgenbau von Guédelon in Frankreich. Vielen noch nicht so im Bewusstsein sind zwei weitere „mittelalterliche“ Großbaustellen in Süddeutschland und Österreich. Eine davon, den Bau der Burg Siegfriedstein in Friesach, Kärnten haben wir während unseres diesjährigen Sommerurlaubs besucht.

Wenn wir heute eine Burg, eine Kirche oder ein anderes mittelalterliches Bauwerk besichtigen, dann fragen wir uns oft, wie das die damaligen Baumeister und ihre Handwerker mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln überhaupt geschafft haben können. Immerhin gab es seinerzeit weder die modernen Materialien mit denen wir heute „für die Ewigkeit“ bauen, noch die maschinell betriebenen Hilfsmittel, die uns heute die Arbeit so erleichtern. Für unser Verständnis erschwerend kommt hinzu, dass die damaligen Bauherren, Baumeister, Handwerker und sonstige Zeitzeugen uns nur wenig Berichte zu den (Bau)-Tätigkeiten hinterlassen haben. Dafür war zu vieles einfach zu sehr Allgemeingut und schlichtweg so selbstverständlich, dass es keiner Erwähnung bedurfte. Und was nicht darunter fiel, wurde von den Meistern als Betriebsgeheimnis sorgfältig gehütet.

Von daher dienen uns heute tatsächlich in erster Linie die Bauten selbst als Quelle unseres Wissens. Entsprechend groß bleiben die Fragezeichen. Die Archäologie z.B. kann ggf. Bauhorizonte, Baugruben und Fundamente, manchmal auch Verstürze aufdecken, dokumentieren und interpretieren. Wie es aber darüber weiterging muss meist spekulativ bleiben. Die Bauhistoriker dagegen können Mauerverbände und Materialien analysieren, oft auch Bauabfolgen definieren, aber wie leicht oder steinig der Weg dahin war, warum der Baumeister diese oder jene Lösung gewählt hat und welche heute nicht mehr sichtbaren Zwischenschritte notwendig waren, dazu schweigen die alten Gemäuer meist hartnäckig.

Wie also herausfinden, warum sich manche Strukturen stets wiederholen, wie wohl die unterschiedlichen Gewerke zueinander in Verbindung standen und warum man von so vielen heute keine Spuren mehr findet, obwohl sie für einen reibungslosen Baustellenablauf doch unabdingbar gewesen sein müssen?Friesach_Burgbau010

Helfen bei der Beantwortung dieser Fragen können Projekte aus dem Bereich experimentelle Archäologie und/oder gelebte Geschichte. Seit 2009 findet ein solches in Friesach in Kärnten statt, wo auf einem ca. 4000 m² großen Areal eine mittelalterliche Höhenburg entstehen soll. Und dies mit den Mitteln und der Ausstattung des frühen 13. Jahrhunderts.

Seit einigen Jahren kann dieses Projekt auch im Rahmen einer geführten Besichtigungstour besucht werden. Zwar sind wir schon wegen der Kinder nicht unbedingt Freunde solch einer geschlossenen Gruppenveranstaltung, bei unserem diesjährigen Kärnten-Urlaub konnten wir uns dem Reiz eines Besuches auf der Baustelle in Friesach jedoch nicht verschließen. Aber wir hatten richtig Glück: denn da wir uns schon außerhalb der Schulferien bewegten, waren wir in unseren Führungsslot tatsächlich allein. Das stellte sich als für uns, aber vielleicht auch für etwaige andere Besucher durchaus als positiv heraus, denn innerhalb kürzester Zeit war ich mit der Kollegin, die uns über das Areal begleitete, am Fachsimpeln. Da gleichzeitig auf Grund der überschaubaren Gruppengröße aber Wartezeiten an den einzelnen Stationen entfielen und wir uns quasi ständig in Bewegung befanden, kamen allerdings die Fotoaufnahmen diesmal etwas zu kurz, warum die diesmal doch geringe Bebilderung bitte zu verzeihen ist.Friesach_Burgbau001

Der Rundgang beginnt noch außerhalb des eigentlichen Baustellenareals am neu entstandenen Besucherzentrum, wo die Gäste neben einem Kassenhaus und einem kleinen Shop auch ein Warteraum mit sanitären Einrichtungen und einem wirklich guten Automatenkaffee/-kakao vorfinden. Und für die Kinder besonders lockend, steht hier Kärntens zweitgrößter Bewegungs-Spielplatz, um die Wartezeiten bis zum Beginn der Führung zu überbrücken.

Friesach_Burgbau002Von hier geht es dann vorbei an den Weidegeländen für die hier ebenfalls beheimateten Nutz- und Arbeitstiere zum eigentlichen Zugang, den man dann nur noch in Begleitung von örtlichem Personal passieren darf. Nach einem kurzen gut ansteigenden Gang durch den Wald erreicht man dann bald das noch unterhalb des eigentlichen Burgbergs angesiedelte Areal mit den Handwerkshütten. Hier wurde auch während unseres Besuchs fleißig gearbeitet und wir konnten den Schmieden und Zimmermännern dabei über die Schulter schauen.Friesach_Burgbau003

Manchem Besucher mag dabei auffallen, dass die Handwerker ja doch nicht ganz zeitlich korrekt gewandet und ausgestattet sind. Das ist aber unserem modernen Arbeitsschutz geschuldet, dessen Auflagen auch für eine nach mittelalterlichen Gesichtspunkten eingerichtete und arbeitende Baustelle gelten. Und so tragen die Handwerker eben keine einfachen ledernen Schuhe oder gar nur Fußlappen, sondern Arbeitsschuhe mit Stahlkappe. Und bei Bedarf wird auch auf moderne Arbeitshandschuhe oder eine Schutzbrille zurückgegriffen. Das tut aber dem eigentlichen Projekt und seinem Arbeitsauftrag alte Handwerkstechniken zu erforschen und wiederzubeleben keinen Abbruch. Wer immer hiermit ein Problem hat, erwartet wohl auch, dass sich die Handwerker abends nach getaner Arbeit in eine einfache Block- oder Lehmhütte, am besten noch mit offenem Feuer zurückziehen. Zum Glück sind solche Kritiken am Projekt aber nur sehr selten zu finden. Die meisten Besucher können hier wohl sehr wohl abwägen und das Personal hat zumindest in unserem Fall auch während der Führung auf die bürokratischen Hintergründe dieser Ausstattung hingewiesen.Friesach_Burgbau004Nach den ersten Stopps im Handwerkerbereich geht die Führung weiter den Burgberg hinauf. Und während man von dem überdachten Bereich mit dem Holzofen noch einmal dem regen Treiben der Handwerker unterhalb lauschen kann, erkennt man zur Linken schon den langsam anwachsenden Wohnturm. Aktuell bewegen sich die Handwerker hier noch im Bereich des zugangslosen Untergeschoss. Und auch wenn die bisher aufgebauten Steinlagen noch recht unscheinbar wirken, merkt man bei einem Blick in die online verfügbare Chronik doch, wie der Bau stätig voran schreitet. Gleichzeitig wächst beim Anblick der hier verbauten großen Steinquader und dem angebauten Holzgerüst auch die Ehrfurcht vor der Leistung der Handwerker, die dem Turm ja noch vier weitere Stockwerke aufsetzen werden. Wenn am Ende die Höhe von 20 Metern erreicht sein wird, werden an die 3500 t Steine verarbeitet sein.Friesach_Burgbau005

Aber damit ist ja das Ende der Baustelle noch nicht erreicht. Zusätzlich zu diesem Bergfried wird die eigentliche Burganlage noch aus einer Ringmauer mit Eckturm und Toranlage bestehen, die auch ein Wohngebäude mit gotischer Kapelle, Wirtschaftsgebäude sowie einen kleinen Garten umschließen wird. Insgesamt sind für die Fertigstellung mindestens 30 Jahre veranschlagt.Friesach_Burgbau007

Vom oberen Burgberg aus ermöglicht der Blick nach Friesach auch die Einbindung der hier neu entstehenden Burg Siegfriedstein in die schon den Ort beherrschende Drei-Burgen-Landschaft. Vielleicht auf Grund dieses Bezugs zur bestehenden Bebauung und ihrer Geschichte haben sich die Macher des Projekt auch für ihre Burg eine Legende ausgedacht, die man sich auf der Homepage herunterladen kann.Friesach_Burgbau011

Aber zurück zu unserem Rundgang. Nach der Umrundung des Wohnturms hat man auch einen guten Blick auf das aufwendige Wasserzuleitungssystem mit den auf hohen Gerüsten gelagerten Holzleitungen. Denn ausreichend Wasser ist ja für viele Gewerke auf der mittelalterlichen Baustelle unabdingbar.

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Zum Abschluss führte uns unser Weg noch am Unterstand der Steinmetze und am Kalkofen mit der angrenzenden Kalkgrube für den abgelöschten und eingesumpften Kalk vorbei. Schon vor unserem Besuch in Friesach war es für mich spannend den Vorgang des Kalkbrennens auf der Facebook-Seite des Projekts zu verfolgen. Überhaupt kann es Interessierten nicht schaden, hier ab und an einen Blick darauf zu werfen. Nicht nur, dass der Baufortschritt und verschiedenen Arbeitsabläufe der Handwerker immer wieder thematisiert werden, soweit ich es erkennen konnte, wird hier auch zeitnah veröffentlicht, wenn witterungsbedingt keine Führungen über das Areal bei Friesach stattfinden können.Friesach_Burgbau009

Kurz nach dieser letzten Station verlässt man mit der Führung dann auch schon das Bauareal und findet sich recht bald wieder im Besucherzentrum wieder. Wir haben uns hier dann erst einmal gestärkt und ein wenig aufgewärmt, ehe die Kinder noch eine Runde auf dem Spielplatz toben konnten. Und da der Tag noch jung war, ging es im Anschluss noch nach Friesach hinein und hier dann noch auf die Burg Petersberg mit dem Stadtmuseum. Wie es uns hier ergangen ist und was wir in dem alten Gemäuer so alles entdeckt haben, findet sich demnächst ebenfalls hier im Blog.Friesach_Burgbau008

Fazit:

Der Besuch auf der mittelalterlichen Burgenbaustelle in Friesach war auf jeden Fall eine spannende Erfahrung und höchst wahrscheinlich werden wir auch nicht das letzte Mal dort gewesen sein, sondern in ein paar Jahren nochmal nach dem Baufortschritt schauen. (Nicht zu letzt, da uns in Friesach auch sonst noch ein paar Burgen und Museen fehlen). Dass man das Areal nur im Rahmen einer Führung betreten darf, hat sicher aus Sicht der Verantwortlichen seine Berechtigung. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Handwerker bei einem reinen freien Besucherfluss an manchen Tagen vor lauter Fragen beantworten nicht mehr zur Ausübung ihrer eigentlichen Tätigkeit kämen. Und auch der Sicherheitsaspekt darf sicher nicht außer Acht gelassen werden. Leider habe ich selbst sowohl auf Grabungen als auch im Museum schon zu oft erlebt, dass Absperrungen für manche Menschen ehr eine Aufforderung zum Überschreiten als zum stehen bleiben zu sein scheinen. Dennoch würde ich mir für die Zukunft wünschen, dass sich eine Möglichkeit finden lässt, beide Besuchsformen mit einander zu verbinden, so dass dem Besucher im Nachgang der Führung noch die Möglichkeit geboten würde, die eine oder andere Station noch einmal selbständig zu besuchen, um den dortigen Handwerkern noch etwas länger über die Schulter zu schauen.
Denn auch wenn die Führung diesmal schon spannend war, so wäre ich bei einem Besuch auf der Baustelle der Burg Siegfriedstein bei Friesach wahrscheinlich wunschlos glücklich: Mit einer fachkundigen Führung für die grundlegenden Informationen und etwas mehr Zeit für die Details.

Friesach Burg Siegfriedstein oder Wie baut man eine Burg:  

Über carmen

Archäologin - Studium der Vor- und Frühgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Ethnologie in Bonn mit Magisterabschluss Mitwirkung an verschiedenen Grabungsprojekten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Baden-Württemberg als Grabungsleitung. Erfahrungen bei Ausstellungskonzeptionen und als Museumsführer. Als Mutter zweier kleiner Kinder mittlerweile freiberuflich als Archäologin und Museumspädagogin an Kindergärten und Schulen tätig.


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