Eine Anekdote aus Kindheitstagen oder warum Museumspädagogik so wichtig für mich ist.

Bevor ich demnächst nun auch wirklich einmal einen Bericht zu einem unserer familiären Museumsausflügen und unseren Erfahrungen zum Thema Kind und Museum schreibe, sollen heute erst einmal schon ein wenig länger zurückliegende Museumsbesuche thematisiert werden.

Und zwar die beiden Besichtigungen, die mir selbst als meine ersten in Erinnerung geblieben sind und die meine weitere Einstellung zu Museen an sich, Führungen im Speziellen und Museumsdidaktik und Museumspädagogik im Besonderen geprägt haben.

Diese beiden Besuche spielten sich im Frühjahr und Herbst 1983 ab und sind somit auch schon über 30 Jahre her. Dennoch sind sie mir, wenn auch nicht in jeder Einzelheit, so doch in dem Grundgefühl, das sie vermittelt haben, bis heute in reger Erinnerung geblieben. Dieses Jahr war für mich vom Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium geprägt. Und wie es bei einem Schulwechsel mit neuem Lehrer und neuem Klassenverband passieren kann, führte mich unser letzter Ausflug der vierten Klasse und der erste der fünften Klasse ans gleiche Ziel. In diesem Fall war es unser heimisches Museum, das Ulmer Museum. Selbstverständlich sah es damals noch reichlich anders aus, als heute. Aber es war doch schon sehenswert.

Wir machten uns also im Frühjahr 1983 auf, dieses Museum mit wohl 25 Kindern um die 10 / 11 Jahre zu besuchen. Allein die Fahrt mit dem Bus dürfte für uns ein Erlebnis gewesen sein, sie ist mir aber nicht in Erinnerung geblieben. Was aber geblieben ist, ist die Faszination an und für Geschichte, die unsere damalige Museumsführerin uns vermittelt hat. Sie hat lediglich einzelne Exponate aus der großen Sammlung vorgestellt und sie für uns mit Leben erfüllt und somit auch das vergangenen Leben in Ulm für uns wieder lebendig werden lassen. Über den Verlauf der wohl anderthalb Stunden dauernden Führung war annähernd immer der gesamte Klassenverband nicht nur physisch sondern auch psychisch bei ihr – was in dem Alter durchaus was heißen soll. Und zumindest von mir selbst kann ich sagen, dass sie das geschafft hat, was sich jeder Museumsleiter von seiner Ausstellung und seinem Personal erhofft: sie hat einen Multiplikator gewonnen! Ich glaube es hat keine 2 Wochen gedauert, da habe ich meine Mutter das erste Mal in diese Museum geschleppt, um ihr all die Sachen zu erklären, die ich selbst erst kürzlich erfahren habe. Über die Jahre folgten auf Grund dieser positiven Anfangserfahrung später noch viele Besuche in diesem Haus, im Jahr bestimmt ein oder zwei Mal. Und natürlich kamen noch viele andere Ausstellungen dazu, aber aus kindlicher Sicht, erreichte keine je “mein” Museum. Schließlich habe ich 11 Jahre später hier sogar mein erstes Museumspraktikum absolviert und anschließend noch selber viele, viele Schulklassen durch die damalige archäologische Sonderausstellung zum Löwenmensch geführt.

Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter vor dem Hintergrund des zweiten Schulausflugs im Herbst 1983 in genau das gleiche Museum. Noch geprägt von meiner ersten Erfahrung freute ich mich wie eine Schneekönigin, dass ich noch einmal dorthin durfte und vor allem auch die ganzen tollen lebendigen Geschichten zur Geschichte wieder hören sollte. Es gab dabei aber nur ein Problem: wir hatten dieses Mal eine andere Führerin. Diese Frau hatte wohl keinerlei Einfühlungsvermögen in die Denkweise und das Aufnahmevermögen von Kindern. Statt uns abzuholen, machte sie mit uns ihre (Erwachsenen-)Standardtführung. Natürlich hörte ihr schon nach 10 Minuten kaum mehr jemand zu und es wurde zunehmend unruhig. Ich selber empfand den Rundgang diesmal nicht nur langweilig, sondern auch abschreckend. Und ich war mir damals schon bewusst, dass ich, wenn dies meine erste bewusste Erfahrung mit einem Museum gewesen wäre und nicht die Führung ein halbes Jahr früher, ich wohl kaum je wieder freiwillig einen Fuß in eine Ausstellung gesetzt hätte.

Zum Glück überstrahlte die Faszination, die die erste Museumsführerin in mir wecken konnte, aber das Gefühl der Langeweile und des Desinteresses, das die zweite Dame in mir hervorgerufen hat. Statt der Geschichte und den geschichtsvermittelnden Einrichtungen für immer den Rücken zu kehren, beschäftigte ich mich weiter damit, wählte später Geschichte als Leistungskurs im Abitur und studierte schließlich Vor- und Frühgeschichte mit der erklärten Ziel nach dem Abschluss selber einmal in einem Museum zu arbeiten. Und über der gesamten Entwicklung dorthin stand der Wunsch, dabei selber einmal Kindern Geschichte so lebendig vermitteln zu können, wie es die Dame im Frühjahr 1983 getan hat. Ich kenne leider ihren Namen nicht und habe auch kein Bild von ihr mehr vor Augen, aber ihr gebührt der Dank, dass ich heute das tue, was ich tue.

Eine Anekdote aus Kindheitstagen oder warum Museumspädagogik so wichtig für mich ist.:  

Über carmen

Archäologin – Studium der Vor- und Frühgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Ethnologie in Bonn mit Magisterabschluss

Mitwirkung an verschiedenen Grabungsprojekten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Baden-Württemberg als Grabungsleitung. Erfahrungen bei Ausstellungskonzeptionen und als Museumsführer.

Als Mutter zweier kleiner Kinder mittlerweile freiberuflich als Archäologin und Museumspädagogin an Kindergärten und Schulen tätig.



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