Kranzberg – Bronzezeit Bayern Museum oder „Es geht eine Sage, dass zwischen Tünzhausen, Bernstorf und Kranzberg eine versunkene Stadt liegt.“ (Josef Grassinger 1864)

Lange hatte ich mit mir gehadert, ob wir das heute vorzustellende Bronzezeit Bayern Museum in Kranzberg tatsächlich besuchen sollten. Auf der einen Seite sollte es sich bei der im Mai 2014 eröffneten Ausstellung mit ihrer 3D-Technik sowie den interaktiven und multimedialen Inhalten ja um eine der modernsten in Bayern handeln. Auf der anderen Seite habe ich als Archäologin so meine Probleme mit einigen Elementen der Fundgeschichte rund um Bernstorf und insbesondere die herausragenden Gold- und Bernsteinfunde werden aktuell ja auch bezüglich ihre Autenzität kontrovers diskutiert. Das wir uns dann doch auf den Weg nach Kranzberg gemacht haben, ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass die Träger des Museums gerade auch mit dieser Diskussion pro aktiv umgehen, und sie nicht etwa totschweigen. Und im Nachhinein bin ich froh über diese Entscheidung. Aus archäologisch fachlicher Sicht stehen für mich zwar immer noch viele Fragezeichen über dem Komplex Bernstorf, das Museum selber ist aber ein Perlchen in der Museumslandschaft.

Untergebracht ist das Bronzezeit Bayern Museum im Dachstuhl eines von der Gemeinde Kranzberg unterhaltenen Gebäudes auf dem Pantaleonsberg, dessen Räume ansonsten für verschiedenste Veranstaltungen angemietet werden können. Und diese Lage ist im Grunde auch schon mein einziger richtiger Kritikpunkt. Bei aller Professionalität der Ausstellungskonzeption und ihrer didaktischen Umsetzungen hinterlässt der hierfür gewählte Raum doch ein wenig das Gefühl einer Notlösung: angefangen damit, dass man nach Betreten des Gebäudes erstmal im Veranstaltungsbereich steht und dann weiter mit dem Umstand, dass Kasse und Ausstellung nur über Treppen zu erreichen sind, was stärker gehbehinderte Besucher oder gar solche im Rollstuhl per se ausschließt. Auch das Aufstellen des Kassentischs im Filmvorführraum erscheint etwas unglücklich, da hierdurch Besucher beim Lösen der Tickets, durch Fragen ans Personal oder Einkäufe im kleinen Büchershop zwangsläufig schon Anwesende beim Betrachten des Films stören. Schließlich die Unterbringung der Ausstellung im ungeheizten und Sommers wahrscheinlich auch nicht klimatisierten Dachgeschoss selbst, was je nach Wetterlage den Komfort für die Besucher doch erheblich einschränken kann.

Nachdem hiermit die ehr „negativen“ Aspekte des Museums hinreichend aufgeführt sein sollten, wird es Zeit die Ausstellung an sich näher zu betrachten: Da auf dem Pantaleonsberg keine Parkplätze zur Verfügung stehen, steht vor dem Museumsbesuch der leichte Aufstieg über die teilasphaltierte Auffahrt. Nach Betreten des Gebäudes folgt man dann dem Gang nach links bis zur Treppe. Drei an wpid-kranzberg_zinnguss.jpgder Wand angebrachte kleine Zinnguß-Dioramen stimmen auf diesem Weg schon ein wenig in die historische Thematik ein. Im ersten OG gelangt man schließlich zuerst in den Filmvorführraum. Gleich hinter dem Eingang kann man auch direkt sein Ticket lösen und erhält hier, falls man den in Endlosschleife gezeigten Film anschauen möchte, auch je eine hierfür notwendige 3D-Brille ausgehändigt. Hier beginnt also schon die Innovation, dass eben kein einfacher Informationsfilm als Einleitung gezeigt wird, sondern der Weg eines modernen 3D-Films gewählt wurde. Ob dies unbedingt notwendig ist, darüber lässt sich sicher trefflich streiten. Diese Art des „3D-Kinos“ hat auf jeden Fall Vor- und Nachteile, denn so innovativ und modern man sich durch Verwendung dieses Mediums gibt und vielleicht auch neue Betrachter gewinnt, man schließt Besucher, die die 3D-Brillen nicht nutzen können oder wollen zumindest von den optisch verarbeiteten Informationen weitgehend aus. Wir merkten das schnell bei den Kindern, die auf Grund des deutlich geringeren Augenabstands nicht mit den Brillen zurechtkamen und so rasch komplett das Interesse an dem Film verloren. Der ist im Übrigen durchaus sehr informativ, aber leider mit knapp 20 Minuten auch etwas lang ausgefallen.

Vor Verlassen des Raums gibt man seine Brille an der Kasse zurück, wo sie löblicherweise erst gereinigt wird, ehe man sie wieder an neu Besucher ausgehändigt. Durch eine weitere Tür neben dem Eingang kommt man dann erstmal in einen erneuten Verbindungsflur, der zu einer weiteren Treppe, dem Aufgang zur eigentlichen Ausstellung führt. Es war nicht erkennbar, ob dieser Zwischenweg sonst für spezielle Exponate oder „Sonderausstellungen genutzt wird. Aktuell wurde hier aber von den Betreibern des Museums eine Moderatorentafel aus dem Veranstaltungsbereich wpid-wp-1427385745951.jpegaufgestellt, an die eine Vielzahl von Zeitungsberichten aber auch z.B. eine Stellungnahme der archäologischen Staatssammlung in München zum aktuellen „Archäologenstreit“ über die Echtheit der berühmten Bernstorfer Gold- und Bernsteinfunde geheftet wurden. Auf diesen hier ausführlicher einzugehen, würde dem Museum, in dem die besagten Funde tatsächlich nur zwei von insgesamt 14 Stationen ausmachen, nicht gerecht werden. Da die Diskussion aber für die Bronzezeit-Forschung in Süddeutschland an sich nicht unerheblich ist, habe ich zum Schluss dieses Artikels noch einige Links zusammengestellt, an Hand derer sich jeder selbst ein Bild über die Fundgeschichte und die verschiedenen Untersuchungsergebnisse und ihre Deutungen machen kann.

Bevor man im Dachgeschoss schließlich den eigentlichen Kranzberg - "Prinz von Mailing"Ausstellungsraum betritt, kommt man auf dem Treppenabsatz an einer ersten Ausstellungsfläche vorbei. Durch ein schmales Fenster kann man hier einen Blick auf den sogenannten „Prinz von Mailing“ werfen. Die reich ausgestattete Kinderbestattung der Glockenbecherzeit mit den typischen Gefäßen und dem seltenen Griffplattendolch aus Kupfer symbolisiert an dieser Stelle den Übergang zur im weiteren Museum thematisierten Bronzezeit.

Kranzberg - Touchscreen zur TrachtIn der Ausstellung selbst wird der Blick dann zuerst von einem lebenshohen Touchscreen gefangen genommen, auf dem man sich Männer- und Frauentrachten verschiedener kupfer- und bronzezeitlicher Epochen erläutern lassen und dabei interaktiv einzelne Details von Kleidung, Schmuck oder der Waffen genauer betrachten kann. Über diese auffällige Installation geht fast die erste Station des Raums unter: an der Wand des Eingangs sind mehrere Hörknubbel angebracht, an denen man Informationen über verschiedene archäologische Methoden zur Prospektion und Datierung von Fundstellen erhält. Die dritte Station im Raum ist dann der der Epoche namengebenden Metall-Legierung, der Bronze, ihren Bestandteilen Kupfer und Zinn sowie ihrer Herstellung und Verarbeitung gewidmet. Die Vermittlung erfolgt zum einen über einen Film, zu dem über weitere Hörknubbel zusätzliche Kranzberg - Themenbereich BronzeInformationen erhalten werden können und eine Wandvitrine mit verschiedenen typischen Funden aus Bronze. Unterhalb des Monitors entdeckten wir schließlich noch eine tiefe Schublade in der wir einen Schlackekuchen sowie zwei Schöpf- oder Gießlöffel aus Speckstein zum „begreifen“ fanden. Leider fehlten hier aber jegliche Beschriftungen, so dass sich einem Museumsbesucher ohne entsprechenden Wissenshintergrund der Zusammenhang wahrscheinlich nur schwer erschließt.

Kranzberg - PallisadeDer nächste Raumabschnitt thematisiert dann den Burgberg von Bernstorf selbst. Eingestimmt wird man mit Hilfe einer sich über eine gesamte Wand erstreckende Vitrine, in der u.a. Funde und Befunde aus dem Bereich der Befestigungsanlage ausgestellt sind, aber auch ein Modell einen Rekonstruktionsversuch dieser Befestigung verdeutlichen soll. Ergänzend werden in einer ebenfalls raumhohen Leuchtwand weitere bronzezeitliche Befestigungsanlagen in Bayern vorgestellt. Diese sowie die in beleuchteten Schiebern untergebrachte Informationen zu internationalen Befestigung verdeutlichen, dassKranzberg - 3D Relief Bernstorf keine singuläre Erscheinung ist. Dominiert wird der Raumabschnitt aber von einem mit Hilfe eines Airborn Laserscan gewonnenen 3D-Reliefs vom Bernstorfer Burgberg und seiner Umgebung. Auf dieses kann man Befunde und Rekonstruktionen verschiedener Siedlungsepochen oder auch Bilder und Karten zu unterschiedlichen Fragestellungen projizieren lassen kann. Ergänzend werden im Hintergrund noch Informationsfilme zu dem gewählten Thema eingespielt. Hier weiterzugehen, gelingt einem fast erst, wenn man alle Beiträge mindestens 1x abgespielt hat. Die direkt daneben noch ausgestellten Silex- und Steinfunde sowie eine Bronzeschnalle vom Burgberg gehen dabei auch fast unter.Kranzberg - Funde

Kranzberg - GrabkeramikSchafft man es schließlich doch sich loszureißen, gelangt man in den vorletzten Raumabschnitt. Dieser ist zwei großen Themenbereichen gewidmet. Zum einen dem Leben und Sterben in der Bronzezeit, zum anderen den einmaligen Bernsteinfunden von Bernstorf. Da unser Bild über das Leben in früheren Epochen noch immer weitgehend ein Bild des Totenkults ist, wird auch hier bei den ausgestellten Funden weitgehend auf Grabbeigaben zurückgegriffen. Auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig erscheinen die in kleinen Wandfenstern Kranzberg - Bestattungswesendargestellten Modelle typischer bronzezeitlicher Bestattungsformen, da insbesondere die Einblicke in die Gräber aus ihrer horizontalen Orientierung genommen und nun vertikal an die Wand gehängt wurden. Das kurze Gefühl der Irritiertheit verschwindet aber fast augenblicklich ob der dargestellten Details. Das häusliche Leben wird dann über verschiedene Hausmodelle symbolisiert und in einem weiteren 3D-Film mit animierten Spielszenen aus dem Umfeld und dem Inneren der Häuser thematisiert. Die notwendigen Brillen hierfür fanden sich in einem Fach unter dem Monitor. Hier fiel mir allerdings doch negativ auf, dass dieses Mal keine Trennung zwischen gereinigten und getragenen Brillen vorgenommen wurde. Dabei wäre es sicher kein Problem gewesen das Fach zweizuteilen in einen Bereich für die frischen Brillen und einen zum Abwurf der getragenen.

Kranzberg - KlangrohrDer zweite Teil dieses Raumabschnitts ist, wie schon erwähnt, den Bernsteinfunden gewidmet. Unübersehbar ist gegenüber des Durchgangs das Bernstorfer Bernsteingesicht extrem vergrößert an der Wand angebracht. Über weitere Hörknubbel, ein Klangrohr, das nur erklingt, so lange es berührt wird, und einen Film erhält man Hintergrundinformationen zum Bernstein an sich, aber auch über die im Jahr 2000 in Bernstorf gefundenen BernsteinobjekteKranzberg - Bernsteinfunde in Form eines lächelnden Gesichts und eines Siegels mit mykenischen Schriftzeichen. Beide sind als Kopie in einer kleinen fensterartigen Vitrine ausgestellt. Auch in diesem Abschnitt wird Wert darauf gelegt zu zeigen, dass Bernstorf im Grunde doch kein so einzigartiger Fundkomplex ist. Hierfür wurden auf der letzten Wand des Abteils Drehtafeln angebracht, auf der einen Seite mit Fotografien weiterer Bernsteinfunde aus dem bronzezeitlichen Bayern, auf der anderen finden sich kurze Erläuterungen.

Kranzberg - GoldfundeFast schon etwas versteckt finden sich am Ende des Raumes schließlich die berühmten Goldfunde von Bernstorf. Auch diese sind als Repliken ausgestellt. Zur besseren Verdeutlichung ihrer angenommenen Nutzung zur Schmückung einer Kultstatue sind sie einer menschlichen Figur angelegt. Für die Vermittlung tiefergreifender Informationen, z.B. auch über die Fundumstände, kommen wieder Hörknubbel zum Einsatz. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich selbst diesem Ausstellungsabschnitt die geringste Zeit gewidmet habe. Ob das ein unbewusster Ausdruck meiner fachlichen Zweifel an diesem Fund oder nur einer genereller Ablehnung gegenüber solcher sogenannter „Schatzfunde“ im Allgemeinen war, keine Ahnung. Vielleicht war ich auch einfach zu sehr fasziniert von der medialen Umsetzung der vorletzten Station zum Thema „Hortfunde“, das hier exemplarisch am Beispiel eines Depotfunds von Kirchseeon dargestellt wurde. Die Ringbarren wurden dabei nicht etwa im Original oder auch als Replik ausgestellt, sondern als fast lebensechter 3D-Scan auf einem flachen Monitor, der einem die Illusion gab, in eine Vitrine zu schauen. Wären nicht zusätzlich weitere wechselnde Informationen auf diesem Bildschirm erschienen, wäre mir die Täuschung wahrscheinlich gar nicht aufgefallen.Kranzberg - RaumeindrückeSchließlich geht es auf dem gleichen Weg wieder zurück zum Ausgang. Normalerweise bin ich ja kein Freund solcher Sackgassen-Lösungen. Aber durch die verwinkelte Strukturierung des einen Raumes, der durch schräg vorspringende Wände in die einzelnen Abteilungen gegliedert wurde, ergeben sich auch auf dem Rückweg ständig neue Sichtachsen. Und statt ohne weiteren Blick nach links und rechts direkt zur Treppe zu streben, bleibt man als Besucher doch noch das ein oder andere Mal stehen.

Kranzberg - SchemelEin besonderes Detail soll bei den ganzen innovativen und multimedialen Inhalten aber nicht verschwiegen werden: ein einfacher Holzschemel, wie er in jeder Haushaltswarenabteilung günstig zu erstehen ist und der direkt am Treppenaufgang „geparkt“ war. Er wurde von den Kindern nämlich begeistert durch die Ausstellung getragen, um die ab und an fehlende Körpergröße für einen guten Blick auszugleichen.

Alles in Allem also ein sehr befriedigender Museumsbesuch. Bei dieser Ausstellung ist es den Machern tatsächlich gelungen, modernste Installationen mit klassischen Elementen zu verbinden, so dass für jeden Besuchertyp etwas dabei sein dürfen.

Für alle, die sich weiter in die Problematik der Autenzitätsfrage der Bernstorfer Gold- und Bernsteinfunde einlesen möchten, sei abschließend noch folgender Link zum online-portal „Archäologie online“ empfohlen. Neben einem ersten kurzen Überblick finden sich hier auch weitere Querverweise zu verschiedenen Puplikationen und Stellungnahmen zu diesem Thema.

Kranzberg – Bronzezeit Bayern Museum oder „Es geht eine Sage, dass zwischen Tünzhausen, Bernstorf und Kranzberg eine versunkene Stadt liegt.“ (Josef Grassinger 1864):  

Über carmen

Archäologin - Studium der Vor- und Frühgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Ethnologie in Bonn mit Magisterabschluss Mitwirkung an verschiedenen Grabungsprojekten in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Baden-Württemberg als Grabungsleitung. Erfahrungen bei Ausstellungskonzeptionen und als Museumsführer. Als Mutter zweier kleiner Kinder mittlerweile freiberuflich als Archäologin und Museumspädagogin an Kindergärten und Schulen tätig.


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